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Deutschland und sein liebenswertes Brauchtum – Diesmal: Meine erste Tüte

Woran halte ich mich bloß fest, wenn ich aus der gewohnten Tagesroutine heraus in den „Ernst des Lebens“ gestoßen werde? Mama und Papa haben die letzten Wochen zwar viel darüber gesprochen, aber so richtig vorstellen konnte ich mir darunter ja nix.

Nun steh ich hier im lauten Gewimmel aus schreienden Kindern und ganz verzückten Eltern. Die haben anscheinend mehr Spaß als wir hier, die Kleinen, um die es geht. Auf jeden Fall schauen sie ganz andächtig drein und machen ein freundliches Gesicht in ihrer Sonntagskleidung, das muss was zu bedeuten haben, – die schauen doch sonst nicht so …!

Kennst du die „Sonntagskleidung“ bzw. den „Sonntagstaat“ noch? Das ist die Kleidung die nur zu besonderen Anlässen angezogen wird, oder eben zum Sonntag. Bis in die 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts war sie üblich, verlor dann jedoch immer mehr an Bedeutung.

Nicht alle meine Altersgenossen, scheinen begeistert, manche weinen sogar. Ob die mehr wissen was auf uns zu kommt? Vor uns steht jetzt eine ältere Frau. Wie war ihr Name? „Mensch, seit doch mal ruhig hier alle!“, möchte ich rufen, halte mich aber lieber erstmal zurück.

Ich meine „Frau Huch“ gehört zu haben. Ha ha, lustiger Name – sie macht auch einen ganz netten Eindruck, aber das kann ja alles nur Täuschung sein, also erstmal abwarten und dann aus der Deckung heraus …!

Was mir aufgefallen ist: Heute wurde ich mit Süßigkeiten gelockt. Dabei bin Ich gerade mal 6 und das hat dann schon ein Geschmäckle! Aber da das Mama und Papa waren, hab ich mir nichts weiter gedacht. Nun halte ich mich an ihr fest – ist ja sonst keiner da, und gut ausschauen tu’ ich anscheinend auch damit, zumindest soll ich für Fotos permanent stillhalten.



Ich, der kleine Konrad mit der riesigen, spitzen Schultüte im Arm. Ja, Konrad, wie der König der Ostfranken (881–918). Gefällt mir der Name. Wenn’s nach Papa gegangen wäre, hätte ich ja Hermann geheißen, aber Mama meinte, das wäre nicht so doll, weil wir ja Goring mit Nachnamen heißen, das würde dann zu Verwechslungen führen. Na ja, verstanden hab ich das nicht, aber meine ältere Schwester, die Eva, die lachte so spitzbübisch, ich werd’ die bei Gelegenheit mal fragen.

Die Schultüte jedenfalls, … möönsch, die ja ist größer als ich! In die werde ich später mal genauer reinluken. Ordentlich Gewicht hat sie, da werden schon schöne Sachen drin sein, da hat sich meine liebe Familie richtig Mühe gegeben, echt knorke!

Früher hat man uns Kleinen ja noch einen vom Pferd erzählt, von wegen „Beim Herrn Lehrer wächst ein Schultütenbaum …“. Na so ein Quatsch, aber das waren ja noch andere Zeiten damals 1810, als der Brauch mit den Schultüten so richtig aufkam.

Waren die Tüten dann groß genug am Baum gewachsen, war es Zeit für den Schulanfang. Das haben vornehmlich Sachsen und Thüringern ihren Kindern erzählt – den Armen.

Jetzt aber: Sammlung zum Gruppenfoto! „Die gesamte Klasse 1A auf die rechte Seite“ ruft Frau Huch lautstark und klatscht dabei freudig in die Hände. „Rechts ist da wo der Daumen links ist“ ruft Papa mir zu und Mama meint „Sehr gut – Links ist eine Krankheit!“, sie zwinkert fröhlich. „Hoffentlich bekomme ich nie Links“ denke ich nur und stelle mich ganz in die Mitte zu den Anderen. „Die neue, stolze Klasse 1A vollzählig angetreten!“, passt – verkneif’ ich mir aber.

„Siegfried ein wenig mehr links!“ ruft ein hochgewachsener Mann. Aha, ein Kranker – ich drehe mich um zu ihm und schaue ob ich Anzeichen eines ernsten Leidens an ihm erkenne. Siegfried ist ein dunkelhaariger Bub, keine Schultüte, blass und etwas hager. Ich wundere mich, sieht so Siegfried aus? Den kenn’ ich doch normalerweise vom Bild, das in unserer Stube hängt. Groß, kräftig, kämpfend – Ich zweifele an der Rechtmäßigkeit der Namensvergabe und bekomme Mitleid mit dem linken Siegfried. Ich nehme mir jedenfalls vor, zukünftig ganz besonders nett zu ihm zu sein – und aufzupassen, dass ich nicht selbst angesteckt werde.

Fotos gemacht, ab in die Aula!

Ein schöner Deutscher Brauch ist das mit den Schultüten, befinde ich auf dem Weg durch das Schulgebäude, und tatsächlich gibt’s den nur hierzulande und in Österreich. Mit ihm muss der Schulanfang versüßt werden, dabei ist doch alles super, – bisher.

Manchmal heißen die Schultüten auch Ostertüten, weil früher die Einschulung zu Ostern stattfand. Nee danke, denke ich, da ist mir das „Ostereierschieben“ dann doch lieber.


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Frau Huch scheint die Unruhe ihrer neuen Klasse 1A zu schaffen zu machen. „Jetzt wollen wir alle ruhig sein.“, wieder klatscht sie in die Hände und wiederholt dabei mantrahaft diesen einen Satz. Siegfried fängt an zu weinen, andere stimmen mit ein in Frau Huchs nicht enden-wollenden Singsang.

Traudl, meine kleine Schwester, – wäre sie hier, würde sie jetzt sagen, dass man bei sowas immer vorsichtig sein sollte, denn nicht jeder ist zum Führer geboren. Keine Ahnung woher sie das hat, klingt aber klug. Unentschlossen kaue ich derweil auf meiner Unterlippe. Soll ich da jetzt mitmachen?

Die Entscheidung fällt. Mama und Papa kann ich nur noch durch die Glastür zur Aula stehen sehen. Mit rein dürfen sie nicht – Gemeinheit! Ich frage mich ob das eventuell diskriminierend ist …, sollte ich Frau Huch etwa darauf ansprechen!? Ich entscheide mich dagegen. Mich mit meiner großen Schultüte durch die engen Reihen meiner neuen Klassenkameraden zu schieben … und außerdem wird sie langsam schwer.

Mittlerweile ist Frau Huch die Lauteste im ganzen Saal. Sie klatscht immer noch – wie besessen. Hoffentlich ist sie nicht auch „links-krank“ überlege ich, sie weiß aber anscheinend was sie tut, zumindest sind jetzt wirklich alle still. Gefällt mir, wirkt kompetent die Frau.

Wir freuen uns außerordentlich, heute die gesamten Erstklässer des neuen Schuljahrs begrüßen zu dürfen …“. Alles klar! Vom Podium dröhnt es herunter wie von der Kanzel in der Kirche. Ein „Herr Bresser“ spricht, Rektor Bresser? Kann gut sein, hab’ nicht aufgepasst. Wie dem auch sei, die Katze ist jetzt endgültig aus dem Sack:

Ich. Bin. Erstklässler.

Ein Redner nach dem anderen beteuert die immense Toleranz und Vielfalt der Peter-Pan-Grundschule und im besonderen Maße ihre außerordentliche Buntheit. Wohl gesprochen! Dabei gibt’s doch nur drei Farben: Schwarz, Rot, Gold – für Papa zumindest, der sagt immer: „Buntheit ist eine gefahrenlose Tünche“. Recht hat er!

Trotzdem bekomme ich Zweifel. Ich umfasse meine Schultüte etwas fester und etwas Sicherheit kehrt zurück. Das Schwarz-rot-gold ihrer liebevollen Bemalung beruhigt, aber sollte Papa mich etwa angelogen haben? Ich drehe mich zur Glastür. „Papa …!?“

„Tünche“ – dieser Begriff kommt aus dem althochdeutschen und bedeutet etwas mit Kalk zu versehen. In der Umgangssprache bedeutet etwas zu „übertünchen“ so viel wie etwas zu verschleiern, zu überdecken oder zu verhüllen.

Schniefend schlucke ich erst mal den dicken Kloß aus Trauer und Bedenken herunter und freue mich, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Schultüten langsam auch in der Hauptstadt Berlin gebräuchlich wurden. Ansonsten könnten wir ja hier gar nicht mit ihnen stehen, ich und die anderen der neuen 1A, außer Siegfried, der hat keine – komisch eigentlich.

Dieser Deutsche Brauch hat sich wohl durchgesetzt, damit Steppkes wie wir nicht nur in Mitteldeutschland ein Trostpflaster für einen nervenzerfetzenden Start in den zweifelhaften „Ernst des Lebens“ erhalten.

Was mir jetzt auch klar wird: Meine Patentante, die Paula, die hab ich in letzter Zeit ziemlich oft bei uns zu Hause gesehen. Die war das bestimmt, die heimlich meine Schultüte befüllt hat, weil das die Patin des Kindes immer tut. Ein schöner alter Brauch, der mit der Zeit zwar immer mehr in Vergessenheit geriet, bei uns aber immer noch gelebt wird. Ordentlicher Haushalt, angenehme Tradition – Danke Paula!

Wie ich sie kenne, wird sie mir noch ein paar ihrer UIH Kraftkekse mit reingepackt haben, so viel wie sie davon hat, ist sie immer froh wenn sie die los wird. Die sind staubtrocken wie Afrikas Wüste und so hart wie der Stahl von Krupp.

Alte Lagerbestände aus längst vergangenen Zeiten“, lässt sie mich und Eva wissen. „Wenn du die isst, schmeckste noch den Pulverdampf Jungchen“ fügte sie hinzu. So alt sind die? Unglaublich! Ihr hohes gurgelndes Lachen begleitet stets der Anblick einer fehlende oberen Zahnreihe – ja, die Paula, die ist echt gruselig, … aber Mann: Mama mag sie halt.

Kekse, Schokies, Bonbons – der verrückte Pappkegel hat seit seinem Bestehen schon immer hauptsächlich Süßigkeiten in seinem Inneren verschwinden lassen, weshalb er auch mancherorts Zuckertüte heißt. Na ja, ob Schultüte, Zuckertüte, Ostertüte – mir ist das alles hupe. Hauptsache ist, die ist voll. Lustig ist nur, dass die Schultüten im Osten 8 eckig sein soll.

Wirklich ungewöhnlich, ich überlege ob da dann noch mehr rein passt …


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Schluss aus Mickey Maus! Eine Gong ertönt, melodisch und harmonisch – fast schon zu schön um wahr zu sein, aber super, wenn wir in den nächsten Jahren damit das Ende der Schulstunden signalisiert bekommen. Nicht so ein schrilles Geläut wie damals zu Großtante Gretls Schulzeiten.

Frau Huch jetzt stramm vorweg, ihre Absätze fliegen über den gefliesten Boden und machen dabei klackernde Geräusche. Ich hab’ Angst, dass sie sich noch hinlegt, jetzt zum Ende hin, wie sie da durch die Gänge des Schulgebäudes fegt. Klatschen tut sie nicht mehr – braucht sie nicht mehr, brav und folgsam trotte ich und ihre neue 1A hinter ihr her. Ausgelassen lachend. Alle scheinen froh, dass es vorbei ist.

Siegfried hat sich wieder eingekriegt, freue mich, dass es ihm wieder besser geht. Ein bisschen blass ist er immer noch um die Nase, aber nicht mehr ganz so verheult.

Ich frag’ ihn ob er mitkommen will, in die Stahlbergklause. Mama und Papa haben einen Tisch reserviert, den mit den vielen Schwarz-Weiß Bildern über dem runden Tisch. Ich knuffe ihm freundschaftlich in die Rippen. „Eintopf oder Zigeunerschnitzel?. Er lacht und meint er wäre Vegetarier. Herrje …

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